Ka’a Journal
Kakao und Wald: Wann die Kakao-Bioökonomie wirklich wirkt
Kakao kann Wald zerstören – oder erhalten. Ein Blick auf die Herkunft des Kakaos, seine zwei Gesichter und darauf, was die Bioökonomie im brasilianischen Amazonas anders macht.
- Bioökonomie
- Kakao
- Frauen im Amazonas

Unter welchen Bedingungen kann die Kakao-Bioökonomie für den Wald, das Klima und die Menschen vor Ort etwas bewirken? Und welche Rolle spielen Frauen dabei, dass sie funktioniert? Diesen Fragen gehen wir hier nach – mit Blick auf frauengeführte Kakao-Kooperativen im Amazonas.
Kakao: ein Geschenk des Amazonas
Der Kakaobaum (Theobroma cacao, „Speise der Götter“) stammt aus Amerika, und seine Geschichte beginnt im Amazonas:
- vor etwa 5.300 Jahren: die frühesten Belege dafür, dass Menschen Kakao anbauen und nutzen – im oberen Amazonasgebiet (im heutigen Ecuador),
- vor etwa 4.000 Jahren: Kakao erreicht Mittelamerika, wo ihn Maya und Azteken trinken,
- 1580er-Jahre: Spanien beginnt, Kakao nach Europa zu bringen,
- heute: Der meiste Kakao wächst in Westafrika.
Indigene Gemeinschaften im oberen Amazonasgebiet stellen bis heute besondere Getränke aus Kakao her. Der Begriff „zeremonieller Kakao“ stammt dagegen zum Teil aus dem Wellness-Markt und bezieht sich vor allem auf mesoamerikanische Traditionen.

Kakao hat zwei Gesichter
Das Risiko: Kakao ist ein wichtiger Treiber der Entwaldung in den Tropen. In Westafrika, das einen Großteil der europäischen Schokolade liefert, gehört er zu den Hauptursachen für den Waldverlust, besonders in der Elfenbeinküste und in Ghana.
Eine Gefahr für sich selbst: Weniger Wald bedeutet weniger Regen, und steigende Temperaturen verkleinern die Flächen, auf denen Kakao wachsen kann. Der Anbau untergräbt seine eigenen Voraussetzungen.
Das Versprechen: Kakao in Agroforstsystemen, unter Schattenbäumen, verringert Hitzestress und kann den Wald erhalten, während er Einkommen sichert.
Der Haken: Auch die Schattenbäume müssen sich an das veränderte Klima anpassen.

Kakao im brasilianischen Amazonas heute
Pará, das Kernland des brasilianischen Kakaos. Rund 46 % des brasilianischen Kakaos stammen aus Pará – im Jahr 2000 waren es 14 %. Bahia war lange Brasiliens wichtigster Kakaostaat, bis die Pilzkrankheit Hexenbesen den Boom 1989 jäh stoppte – das öffnete einer anderen Region den Weg. In Pará begann der Ausbau Mitte der 1970er-Jahre mit dem ersten staatlichen Plan zur Förderung des Kakaoanbaus, getragen von der Bundesbehörde Ceplac in der Region entlang der Transamazônica (wichtigste Gemeinde: Medicilândia). Der Kakaofonds Funcacau und Ceplacs Arbeit an krankheitsresistentem Saatgut und Klonen halfen; die Produktion beruht bis heute überwiegend auf Familienbetrieben. Kakao ist dort heimisch, und die Branche in Pará war jünger und hatte Raum zu wachsen. 2016 überholte Pará Bahia als größter Produzent des Landes.
Mit dem Wald, nicht an seiner Stelle. Heimischer Kakao wächst im Schatten von Überschwemmungswäldern und Agroforsten, zusammen mit anderen heimischen Bäumen. In Pará wachsen auf mehr als 11.000 Hektar Kakaobäume direkt unter dem Dach des Naturwaldes.
Ein anderes Muster als in Westafrika. Eine staatliche Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich Kakao in Pará vor allem auf bereits gerodete und degradierte Flächen wie Weiden ausdehnt und dort kein Haupttreiber der Entwaldung ist.
Und doch verletzlich. Die Dürre im Amazonas 2023/24 hat die Kakaoernte beeinträchtigt, auch in den Gemeinden im Überschwemmungsgebiet. Der Klimawandel bleibt das größte Risiko.
Zur Einordnung: Várzea ist Süßwasser-Überschwemmungswald an Weißwasserflüssen, Igapó liegt an Schwarzwasserflüssen, Mangroven sind Salzwasserwälder an der Küste und ein eigenes Ökosystem. Die Gezeiten-Várzea nahe der Amazonasmündung wird täglich von den Gezeiten überflutet, überwiegend mit Süßwasser.
Warum der Klimawandel den Amazonas-Kakao trifft
- Heißer und trockener: Klimaprognosen für Pará deuten auf steigende Temperaturen und weniger Niederschlag hin – das könnte die Kakaoerträge stark senken.
- Extremereignisse: Die Rekorddürre 2023/24 ließ Kulturen in ganz Pará verdorren und machte den Wald leichter entflammbar.
- Im ganzen Amazonasbecken: Modelle für Peru und Ecuador sagen weniger geeignetes Land für Kulturkakao im Amazonas-Tiefland voraus. In Kolumbien, der Heimat des wilden Kakaos, wächst der Druck durch Klima und Entwaldung.
- Kleine Produzentinnen und Produzenten tragen das Risiko: Waldbasierte Systeme sind widerstandsfähiger als Plantagen, doch eine einzige extreme Dürre kann das Jahreseinkommen der Familien vernichten.
Der Klimawandel ist eine Bedrohung für den Amazonas-Kakao – und für die Menschen, die ihn anbauen.
Woher die Schokolade kommt, ist wichtig
Zu den wichtigsten Herkunftsländern für Kakaobohnen in Deutschland zählten 2024 die Elfenbeinküste, Ecuador, Ghana, Nigeria und Kamerun (die Quellen weichen bei der genauen Reihenfolge voneinander ab). Die Elfenbeinküste dominiert: 2023 kamen 66 % der direkt aus Erzeugerländern bezogenen Bohnen von dort, zusammen mit Ghana, Kamerun und Nigeria waren es 89 %. West- und Zentralafrika liefern also etwa 9 von 10 Bohnen, die direkt aus Anbauländern gekauft werden.
Die Statistik verschleiert dabei einiges: Viele Bohnen kommen über niederländische und belgische Häfen an. 2024 waren die Niederlande nach Wert Deutschlands größter Bohnenlieferant – die Bohnen wuchsen aber anderswo, die wahre Herkunft bleibt in den Zahlen verborgen.
Weltweit erzeugt Afrika 71,5 % des Kakaos und Amerika 22,3 % (ICCO-Prognose 2024/25). Der Amazonas hat daran nur einen kleinen Anteil: Pará ist etwa 46 % des brasilianischen Kakaos, und 11.444 von 116.436 Hektar wachsen unter heimischer Waldbedeckung. Nach unserer Schätzung macht Pará etwa 2–3 % des Weltkakaos aus. Ein kleiner Anteil, aber eine große Chance: Kakao aus dem Wald kann zeigen, wie es richtig geht.
Was steckt in Ihrer Tafel Schokolade?
Immer mehr Hersteller und Handelsmarken stellen ihren Kakao auf Zertifizierungen um, einige bauen sogar selbst im Agroforst an oder garantieren den Bäuerinnen und Bauern einen festen Preis. Das ist ein wichtiger Schritt. Die Einschätzungen darüber, wie weit er trägt, gehen allerdings auseinander.
Was die Siegel bedeuten: Fairtrade garantiert einen Mindestpreis plus eine Prämie für die Gemeinschaft. Rainforest Alliance setzt Standards für Anbau und Umwelt, mit einer kleinen Prämie, aber ohne Mindestpreis. Siegel helfen – doch keines garantiert eine waldfreundliche Tafel. Deshalb ist die Herkunft wichtig.
Auch die Marken, die vieles richtig machen, kaufen überwiegend Kakao aus Westafrika und Mittelamerika. Kakao aus dem Amazonas – waldbasiert und von Frauen geführt – ist die Ausnahme. Genau um sie geht es uns.
Frauen, die den Unterschied machen
Hinter jedem Produkt steht jemand, der es möglich macht – im Kakao sind das häufig Frauen. Dona Nena (Izete Costa) stellt auf der Flussinsel Combu bei Belém seit 2006 Schokolade aus heimischem Kakao her, den sie selbst erntet, fermentiert, röstet und mahlt, im stehenden Wald und mit Beschäftigten bevorzugt von der Insel: Filha do Combu. In Mocajuba (Pará) führen Noanny Maia, ihre Schwestern und ihre Mutter in vierter Generation das Erbe ihres Großvaters fort: Cacauaré kauft seit 2021 Várzea-Kakao von mehr als 30 Familien an den Flüssen, indigenen und Quilombola-Familien (Nachfahren geflohener versklavter Menschen), macht daraus Schokolade und zeremoniellen Kakao und schützt mehr als 500 Hektar Naturwald – mehr dazu in unserem Newsletter #2. Luisa Abram Chocolate arbeitet ausschließlich mit wildem Kakao, den Flussgemeinschaften im stehenden Wald ernten, und auch Warabu gehört zu unseren Kakao-Partnern. Alle verbindet: Der Wald bleibt stehen, die Wertschöpfung bleibt vor Ort. Wie das gelingen kann, haben wir bei unserem Panel zur Kakao-Bioökonomie diskutiert – nachzulesen im Bericht zur Amazon Week 2026.
Frauen, Einkommen und ein Mitspracherecht
Wie viel das bedeutet, zeigt eine Untersuchung von Tropenbos International (2025) in Pará und Acre:
- 60 % des Haushaltseinkommens stammen inzwischen aus der Arbeit von Frauen in waldbasierten Unternehmen.
- 16 % dieses Einkommens fließen in produktive Anlagen, etwa für die Verarbeitung von Açaí oder die Bienenhaltung.
- Frauen berichteten außerdem von mehr Selbstvertrauen und einer stärkeren Stimme bei Entscheidungen.
Waldbasierte Unternehmen können ein Weg zu Unabhängigkeit sein – für die Frauen und für den Wald.
Partner werden – für Kakao aus dem Wald
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